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Der betreute Mensch

  • vor 10 Stunden
  • 14 Min. Lesezeit
Kung-Fu-Tänze von Robotern und Menschen

„Das Ja braucht das Nein, um gegen das Nein bestehen zu können.“

(Jürgen Habermas)

Die Deutschen mögen keine konventionellen Dialoge.

Sie bevorzugen Monologe – sie schweigen und denken sich ihren Teil –

oder sie diskutieren mit Dritten, was sie bewegt.

Aus dem Mangel an Auseinandersetzung erwächst die Schwäche an Kritikkompetenz

und aus ihr der Mangel an Belehrbarkeit.

Ein solches Volk – trainiert im Schweigen – redet lieber über-

statt miteinander, grenzt aus statt einzubinden, ist eher unterwürfig

statt demütig und aggressiv statt ausgleichend, stärkt den Schein

anstatt das Sein, stärkt lieber die Rüstung statt die Moral.

Ein solches Volk – ausgestattet mit fast allem, was notwendig ist,

um Geschichte zu schreiben –, macht sich auf, Geschichte zu werden.

Es liegt an seinem Wesen.

Es gehört zu den Eigenarten unserer Zeit, dass wir die großen Entwicklungen und auch das, was uns als wichtig präsentiert wird, mit großer Aufmerksamkeit verfolgen, jedoch die kleinen ignorieren, aus denen sie hervorgehen und selbst das, was erheblichen Einfluss auf uns haben kann. Wir sind umgeben von Nachrichten, Einschätzungen, Einordnungen – und haben doch immer seltener das Gefühl, wirklich zu verstehen, was geschieht. Es fehlt unserer Zeit nicht an Informationen, sondern an Einordnung: Insbesondere unserer eigenen.

Geopolitische Konflikte erreichen uns in einer Dichte und Gleichförmigkeit, die kaum noch Raum für eigene Betrachtung lässt. Der Krieg in der Ukraine ist schnell eingeordnet, Rollen sind verteilt, moralische Bewertungen stehen bereit. Ähnlich verhält es sich mit anderen Konflikten – auch dort dominieren Deutungen entlang interessengeleiteter Narrative, die Orientierung geben sollen, aber nicht dazu einladen, sie tiefer zu hinterfragen, um ihnen Substanz und Nachhaltigkeit zu geben.

Gleichzeitig wirkt eine weitere Ebene, die weniger offensichtlich ist, aber nicht minder wirksam. Öffentliche Aufmerksamkeit wird gebunden – durch Themen, die emotionalisieren, polarisieren oder unterhalten. Kaum in das Licht der Wahrnehmung gerückt, entfalten sie eine Dynamik, die Diskussionen, politische Reaktionen und mediale Dauerpräsenz nach sich zieht. Der Epstein-Skandal, die DeepFake-Debatte – Themen, die innerhalb kürzester Zeit Empörung, Gesetzesinitiativen und öffentliche Mobilisierung erzeugen. Tittytainment ist kein Zukunftsprojekt sondern gelebte Realität, um die Bevölkerung zufrieden und politisch passiv zu halten: Eine Mischung aus Unterhaltung, Empörung und Fragmentierung von Aufmerksamkeit, die den Einzelnen beschäftigt hält und so davon abhält, sich mit grundlegenden Problemen auseinanderzusetzen.

Währenddessen treten andere Entwicklungen in den Hintergrund, obwohl sie unmittelbarer und innerhalb von Tagen in das Leben der Menschen eingreifen. Der völkerrechtswidrige Krieg der USA und Israels gegen den Iran hat einen der größten Energieschocks seit Jahrzehnten ausgelöst – mit Folgen, die sich bereits andeuten und sich in den kommenden Monaten verstärken werden. Steigende Preise an den Tankstellen, unterbrochene Lieferketten und wachsender wirtschaftlicher Druck sind erste sichtbare Zeichen. Dahinter stehen Entwicklungen, die weniger offensichtlich sind, aber weitreichender wirken: Engpässe bei Gas, Harnstoff, Helium und Schwefelsäure, die sich auf industrielle Prozesse ebenso auswirken wie auf die globale Nahrungsmittelproduktion. Produktionsprozesse geraten durch den Mangel an Vorprodukten unter Druck, steigende Düngemittelpreise treffen auf eine ohnehin fragile Versorgungslage und treiben die Inflation, die Stabilität ganzer Märkte wird infrage gestellt.

Der Umgang damit ist jedoch von einer derartigen Teilnahmslosigkeit geprägt – bei gleichzeitiger Sympathieerklärungen für den Krieg und Absichtsbekundungen, man wolle bei einer „neuen Friedens- und Stabilitätsordnung im Nahen Osten“  seinen Beitrag leisten –, dass sich sogar der Bundespräsident genötigt fühlt, dem Auswärtigen Amt den Marsch zu blasen und darauf hinzuweisen, dass dieser Krieg völkerrechtswidrig ist – und dass man das auch zum Ausdruck bringen muss. Auch, dass die Bundesregierung davor warnt, dass es ab Ende April Probleme geben könnte, an den Tankstellen Benzin und Diesel zu bekommen, und Gasnetzbetreibern mit einer Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes (EnWG) die Möglichkeit gibt, ihre Netze stillzulegen, wenn sie in Zukunft kein Erdgas mehr anbieten wollen – in der Übersetzung heißt das, Verbraucher haben künftig kein Recht auf Gas – wird kaum wahrgenommen.

So entsteht eine eigentümliche Gleichzeitigkeit von permanenter Reizüberflutung und zugleich wachsender Gleichgültigkeit. Vieles wird wahrgenommen, wenig wird vertieft. Man nimmt zur Kenntnis, ohne sich wirklich zu positionieren. Man folgt den vorgegebenen Linien, ohne sie zu hinterfragen. Die Folge ist keine aufgeklärte Öffentlichkeit, sondern eine Form der passiven Orientierung. Man weiß, wie etwas einzuordnen ist – aber nicht mehr, warum. Und oft auch nicht mehr, ob es noch andere Einordnungen geben könnte.

In diesem Zustand verändert sich auch die Haltung gegenüber politischen Entwicklungen. Aufrüstung wird zur logischen Konsequenz eines Weltbildes, das kaum noch infrage gestellt wird. Konflikte erscheinen als zwangsläufig, Alternativen als unrealistisch. Zustimmung entsteht nicht notwendig aus Überzeugung, sondern aus einem Zusammenspiel von Gewöhnung, Ermüdung und fehlender kritischer Prüfung. Zugleich fehlt der Blick für das, was diesem Verhalten zugrunde liegt. Für die gesellschaftliche Verfasstheit, die solche Reaktionen überhaupt erst hervorbringt. Für die Frage, warum eine Gesellschaft, die über so viele Informationen verfügt, immer weniger geneigt ist, sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Früher wurde Herrschaft durch Verbote sichtbar. Heute zeigt sie sich freundlicher: Sie betreut. Sie empfiehlt, schützt, rahmt, warnt, priorisiert, ordnet ein. Der moderne Mensch lebt nicht nur in einem politischen System; er lebt in einem System permanenter Begleitung. Und je dichter diese Begleitung wird, desto mehr schwindet das, was Freiheit einmal war: die Fähigkeit, aus eigener Kraft Wirklichkeit zu prüfen und aus eigener Verantwortung zu handeln.

Der betreute Mensch ist das Ideal einer Epoche, die Stabilität höher bewertet als Reife. Er soll informiert sein, aber nicht zu gründlich, empört, aber in die richtige Richtung, technisch befähigt, aber geistig abhängig. Er soll funktionieren, jedoch nicht hervorbrechen. Er darf eine Meinung haben, solange sie die primären Narrative nicht in Frage stellt.

Die KI wird diese Entwicklung beschleunigen: Nicht, weil Maschinen böse wären, sondern weil sie perfekt in eine Kultur passen, die Komplexität lieber delegiert, als sich mit ihr auseinanderzusetzen. Wer sich an Systeme gewöhnt, die für ihn lesen, schreiben, sortieren, gewichten und entscheiden, verliert schleichend den Muskel der eigenen Urteilskraft. Bequemlichkeit ist die elegante Vorstufe der Entmündigung.

Politisch trifft diese Entwicklung auf eine Gesellschaft, die zugleich aufgerüstet, moralisiert und ökonomisch verunsichert wird. Der betreute Mensch ist dafür ideal geeignet. Er verlangt im Zweifel nicht nach Wahrheit, sondern nach psychischer Entlastung. Er hält Orientierung für Erkenntnis und Wiederholung für Gewissheit. Gerade deshalb ist er so wertvoll für Systeme, die Zustimmung nicht mehr schöpferisch gewinnen, sondern atmosphärisch erzeugen.

Der Verlust beginnt im Kleinen. Man sagt weniger, als man denkt. Man denkt weniger, als man könnte. Man prüft weniger, als nötig wäre. Und irgendwann hält man genau das für Vernunft. So wird aus Selbstzensur Charakter, aus Angepasstheit Tugend und aus geistiger Abhängigkeit Normalität. Eine Demokratie aber, die ihre Bürger vor der Zumutung eigener Souveränität schützt, züchtet keine freien Menschen heran. Sie produziert betreute Objekte. Das individuell eigenständig handelnde, an der Gemeinschaft orientierte, kreativ-schöpferische Subjekt bleibt eine Illusion Einzelner, die in den gezüchteten Monokulturen wie Unkraut behandelt werden und untergehen.

Naheliegend ist es, die beschriebenen Entwicklungen bei anderen zu verorten. Bei denen, die man ohnehin kritisch sieht – den Medien, der Politik, bei jenen, die für Aufrüstung stehen oder einseitige Deutungen vertreten. Doch diese Unterscheidung kann vor der Realität nicht bestehen. Die Vorstellung, man selbst – oder die Gruppe, der man sich zugehörig fühlt – sei davon ausgenommen, erweist sich bei näherer Betrachtung als trügerisch.

Auch die Alternativen zum Establishment – vernachlässigend die, die sich mit dem Mäntelchen der Alternative kleiden, um Fördermittel, Geschäft oder Aufmerksamkeit zu generieren, letztendlich jedoch das Alternative verwässern – wie die Friedensbewegung, alternativ angetretene Parteien, alternative Medien und jene, die Unrecht anprangern oder sich gegen herrschende Narrative stellen, zeigen nicht selten die gleiche Symptomatik: Eine geringe Bereitschaft zur umfassenden Analyse, eine schnelle Gewissheit, einen begrenzten Raum für Achtung, Wahrheit, Widerspruch, Dialog, Kritik. Die Inhalte mögen sich unterscheiden, systemisch passiert nichts anderes. Solange jede Seite jedoch davon ausgeht, selbst anders – besser – zu sein, bleibt der Blick auf das Gemeinsame bei zwei Aspekten verstellt: Der Verfasstheit, aus der das Denken und Handeln der anderen wie auch bei einem selbst erwächst und der Tatsache, dass man ein Volk ist, das nur zusammen eine Zukunft hat.

Wie Menschen wo auch immer miteinander interagieren, in dem, was sie sagen und mehr noch in dem, was sie nicht sagen, entfaltet sich ihre Wirkung: Immer seltener wirklich miteinander unter Aufbietung von allem, was jedem möglich wäre und insofern auch nur beschränkt. Scheinbar banale Beobachtungen – der keinen Nutzen versprechende und daher nicht erwiderte Gruß, das vergebliche Warten auf das Tun hinsichtlich erklärter Absichten, das Schweigen auf Nachfragen, der fehlende Dialog, das fehlende Interesse am Gegenüber, die Selbstverständlichkeit, mit der andere Menschen nicht mehr als solche wahrgenommen werden, sondern als Funktion, als Störung oder als bedeutungsloser Bestandteil der eigenen Umgebung – sind nicht nur ein Verfall von Umgangsformen, sondern bei näherer Betrachtung Ausdruck einer tiefergehenden Verschiebung: Einer Veränderung im Verhältnis des Menschen zum Menschen. Achtung gegenüber allen und allem, die Auseinandersetzung mit den vielfältigen Herausforderungen unserer Zeit und die absolute Orientierung an der Wahrheit wären Voraussetzungen für zivilisatorischen Fortschritt und eine wirksame wie auch nachhaltige Problembewältigung. Doch daran mangelt es. Stattdessen dominieren andere Haltungen.

Erstens: Der Umgang mit anderen Menschen erfolgt nicht mehr aus einer grundsätzlichen Achtung heraus, sondern aus der Frage nach ihrem Nutzen. Der Mensch wird nicht mehr als eigenständiger Gegenüber begriffen, der gerade durch seine Andersartigkeit eben auch überaus nützlich sein kann, sondern als Mittel zum beschränkten Zweck – oder als entbehrlich, wenn ein solcher Zweck nicht erkennbar ist.

Zweitens: Die Auseinandersetzung mit dem, was einen nicht unmittelbar betrifft oder größeren Aufwand erfordert, es in seiner Gesamtheit zu verstehen, wird vermieden. Komplexe Zusammenhänge, mittelbare Wirkungen, langfristige Entwicklungen verlieren an Bedeutung gegenüber dem unmittelbar Erlebbaren und emotional Zugänglichen.

Drittens: An die Stelle der Wahrheit treten Schweigen und Lüge. Nicht notwendig in ihrer plumpen Form, sondern in subtiler Ausprägung: Durch Auslassung, durch Nicht-Widerspruch, durch das bewusste Vermeiden von Klärung.

Diese Haltungen sind keine Randphänomene. Sie bilden zunehmend eine gesellschaftliche Normalität und sind von grundlegender Bedeutung für die Verfasstheit unserer Gesellschaft, denn sie führen zu einem zentralen Verlust: Dem Verlust an Auseinandersetzung. Auseinandersetzung ist mehr als Streit. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass unterschiedliche Perspektiven sichtbar werden, dass Irrtümer erkannt, Zusammenhänge verstanden und tragfähige Lösungen entwickelt werden können. Sie ist – im umfassenden Sinne – eine Bedingung für Erkenntnis und damit auch für Freiheit, für zivilisatorischen Fortschritt als Voraussetzung für die Ökonomie der Zukunft sowie für die Menschwerdung des Affen.

Wenn diese Auseinandersetzung ausbleibt, verändert sich die Gesellschaft in ihrem Kern. An die Stelle von Erkenntnis tritt Bestätigung. An die Stelle von Differenzierung tritt Vereinfachung.An die Stelle von Wahrheit tritt Konsens. Dieser Konsens ist dabei nicht das Ergebnis eines gemeinsamen Ringens um die beste Lösung, sondern Ausdruck eines stillschweigenden Einverständnisses, Konflikte vermeiden zu wollen. Widerspruch wird nicht mehr als notwendiger Bestandteil von Erkenntnis begriffen, sondern als Störung empfunden.

Das Schweigen erhält so eine neue Qualität. Es ist nicht mehr bloß Abwesenheit von Sprache, sondern ein gesellschaftliches Prinzip. Ein Prinzip, das Stabilität verspricht, indem es Reibung vermeidet und zugleich die Voraussetzungen für Erkenntnis untergräbt. Die Folgen dessen reichen weit über den zwischenmenschlichen Bereich hinaus. Eine Gesellschaft, die im Kleinen nicht mehr zur Klärung im Dialog fähig ist, verliert diese Fähigkeit auch im Großen. Sie ist immer weniger in der Lage, komplexe Zusammenhänge zu erfassen, zu durchdringen und sie auf dieser Grundlage umfassend und nachhaltig zum Nutzen der Gemeinschaft zu beeinflussen.

Stattdessen greift sie auf vereinfachte Deutungsmuster zurück: Freund und Feind, gut und böse, richtig und falsch. Die Komplexität der Welt wird auf (un-)moralisch aufgeladene Kategorien reduziert, die Orientierung bieten, aber keine Erkenntnis ermöglichen. In der politischen und medialen Sphäre entfalten solche Vereinfachungen eine besondere Wirkung. Sie schaffen Narrative, die nicht primär darauf ausgerichtet sind, Wirklichkeit differenziert abzubilden, sondern darauf, Zustimmung zu erzeugen und Handlungsfähigkeit zu suggerieren. Für die Gesellschaft sind solche Narrative anschlussfähig: Sie entlasten von der Notwendigkeit, selbst zu prüfen, zu hinterfragen und zu differenzieren. Sie bieten Klarheit, wo eigentlich Unsicherheit herrscht.

Doch diese Klarheit ist trügerisch. Denn sie geht einher mit einem Verlust an analytischer Tiefe. Die Gesellschaft fühlt sich orientiert, ohne es tatsächlich zu sein. Sie ist überzeugt, die Welt zu verstehen – und verliert zugleich die Fähigkeit, sie zu durchdringen. In diesem Zustand verändert sich auch der Umgang mit Konflikten auf internationaler Ebene. Komplexe geopolitische Spannungen werden zunehmend entlang vereinfachter Deutungsmuster interpretiert. Historische, kulturelle, ökonomische und machtpolitische Zusammenhänge treten in den Hintergrund gegenüber moralischen Bewertungen, die eigennützigen und oft nicht sichtbaren Zielen entspringen. Nicht zuletzt wird so der Raum für diplomatische Lösungen reduziert. Wo Konflikte primär moralisch interpretiert werden, erscheinen Kompromisse schnell als Schwäche und Differenzierung als Relativierung des eigenen Standpunkts. In einer solchen Logik gewinnt Aufrüstung an Plausibilität. Sie wird nicht mehr als eine von mehreren möglichen politischen Optionen betrachtet, sondern als notwendige Konsequenz eines Weltbildes, das keine Alternativen mehr zulässt.

Gleichzeitig vollzieht sich eine zweite Entwicklung, die diese Dynamik verstärkt. Der technologische Fortschritt schreitet mit hoher Geschwindigkeit voran. Künstliche Intelligenz, digitale Vernetzung, automatisierte Entscheidungsprozesse und neue militärische Technologien erweitern die Handlungsmöglichkeiten von Staaten und Gesellschaften in einem bislang nicht gekannten Ausmaß. Doch dieser technologische Fortschritt wird nicht in gleichem Maße von einem zivilisatorischen Fortschritt begleitet. Zivilisatorischer Fortschritt zeigt sich nicht in der Entwicklung von Technologien, sondern in der Fähigkeit, als Gemeinschaft auf der Höhe des technologischen Fortschritts menschenwürdig zu leben und die Zukunft menschenwürdig zu gestalten. Der Mangel an Achtung gegenüber allen und allem, die fehlende Auseinandersetzung und die Vernachlässigung der Wahrheit führen zu einer wachsenden Kluft zwischen technologischem Können und zivilisatorischer Reife – die, je mehr sie sich öffnet, nicht nur künftigen Generationen die Hoffnung auf ein erfülltes Leben nimmt, sondern schon den heutigen Generationen eines der größten Übel der Menschheit bringen kann: Krieg.

Eine Gesellschaft, die über immer leistungsfähigere Technologien verfügt, zugleich aber ihre Fähigkeit zur Auseinandersetzung verliert, läuft Gefahr, ihre Mittel ohne hinreichende Reflexion einzusetzen. Sie ist in der Lage zu handeln, ohne sich der Tragweite ihres Handelns vollständig bewusst zu sein. In einer solchen Konstellation ist der Krieg nicht zwangsläufig – aber er wird wahrscheinlicher: Nicht weil er aktiv angestrebt wird – an dieser Stelle die russophob geprägten Bemühungen einiger ebenso vernachlässigend wie die Tatsache, dass Umfragen eine große Unterstützung für die Aufrüstung suggerieren –, sondern weil die gesellschaftlichen Voraussetzungen entstehen, ihn nicht mehr wirksam verhindern zu können. Weil die Fähigkeit zur differenzierten Analyse schwindet, weil ausreichend belastbare Alternativen nicht mehr entwickelt oder ignoriert werden, weil Widerspruch ausbleibt, wo er notwendig wäre und alternative Kraft sich nicht bündelt, weil sie aus der gleichen Verfasstheit erwächst.

Die Vorbereitung des Krieges erfolgt unter diesen Bedingungen nicht offen, sondern still. Sie vollzieht sich im Alltag, in der Art des Umgangs miteinander. Sie zeigt sich in der Akzeptanz von Vereinfachungen, in der Gewöhnung an Schweigen und in der schleichenden Abwertung von Wahrheit. Die Frage, vor der wir stehen, ist daher weniger eine technologische oder militärische: Sie ist eine zivilisatorische. Sind wir als Gesellschaft noch in der Lage, den notwendigen Diskurs zu führen, der notwendig ist, um komplexe Herausforderungen zu verstehen und verantwortungsvoll zu handeln? Oder haben wir uns bereits in einem Zustand eingerichtet, in dem wir die damit verbundene Anstrengung vermeiden – und damit zugleich die Grundlage für Entscheidungen geschaffen, deren Konsequenzen wir nicht mehr kontrollieren und deren Auswirkungen auf uns gravierend sein werden?

Die Antwort auf diese Frage entscheidet nicht nur über die Qualität unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens und unseres eigenen Lebens: Vieles spricht inzwischen dafür, dass sie über unsere Existenz entscheidet. Daher rückt ein Satz in den Blick von jemandem, den zu würdigen oder in Aspekten zu kritisieren, hier der Raum wie auch die Kompetenz fehlt, der sich jedoch mit diesem einen Satz, der seiner Diskursethik entspringt, einen Platz verdient: Jürgen Habermas.

Das Ja braucht das Nein, um gegen das Nein bestehen zu können.

Eine Gesellschaft, die das Nein verlernt, verliert nicht den Konflikt. Sie verliert die Fähigkeit, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden. Sie ersetzt Hinterfragung durch Orientierung und hält das für Stabilität. Der betreute Mensch ist Ausdruck dieser Entwicklung. Er widerspricht nicht mehr – nicht aus Überzeugung, sondern aus Gewohnheit. Weil das Denken bereits vorstrukturiert und das Einordnen übernommen wurde. Doch ein Ja, das sich nicht mehr gegen ein Nein behaupten muss, ist kein Ausdruck von Stärke. Es ist ein Zeichen dafür, dass die Fähigkeit zur Klärung bereits verloren gegangen ist.

Zustimmung gewinnt ihren Wert nicht aus sich selbst, sondern aus ihrer Fähigkeit, dem Widerspruch standzuhalten. Ein „Ja“, das nicht infrage gestellt wird, bleibt ungetestet. Es muss sich nicht begründen, nicht verteidigen, nicht bewähren. In diesem Sinne ist das „Nein“ keine Störung, sondern eine Voraussetzung für Erkenntnis. Erst im Gegenüber wird sichtbar, ob eine Überzeugung trägt oder lediglich übernommen wurde. Substanz entsteht dort, wo Argumente im Austausch geprüft werden und der Kritik standhalten. Ohne diese Möglichkeit verliert das Urteil seinen rationalen Kern. Es bleibt bestehen, aber nicht, weil es überzeugt, sondern weil es nicht mehr hinterfragt wird.

Besonders auch auf der gesellschaftlichen Ebene zeigt sich die Tragweite. Wo das „Nein“ an Bedeutung verliert, verändert sich nicht nur die Form der Kommunikation, sondern die Qualität von Wahrheit. Zustimmung wird zur Gewohnheit, nicht zur Überzeugung – Widerspruch weicht der stillen Akzeptanz und nicht selten der Vereinnahmung. Das „Ja“ bleibt bestehen – aber es wird leer. Insofern ist das „Nein“ – die Kritik – von existenziellem Wert für eine Gesellschaft, die ihr Humankapital stärken muss, um die Herausforderungen der Zeit meistern zu können: Sozial, intellektuell, zivilisatorisch.

Doch das „Ja“ braucht das „Nein“ nicht nur, um es kritisch zu hinterfragen und ihm Substanz zu geben, sondern auch, um gegen das „Nein“ bestehen zu können. Ein substanzielles, ein dem Widerspruch erfolgreich ausgesetztes und in fundamentalen Werten verankertes „Ja“ zerfällt nicht, wenn es auf Widerspruch trifft und es bringt durch den Prozess, dem es sich schon ausgesetzt hat, dem Widerspruch Achtung entgegen, um dessen Substanz zu seiner Stärkung zu nutzen – auch, indem es sich bei Bedarf korrigiert. Eine Gesellschaft, die den Widerspruch verlernt, verliert daher nicht nur an Erkenntnisfähigkeit, sondern an Widerstandskraft: Und damit die Fähigkeit, sich durch sich zu behaupten.

Querdenken ist geradezu prädestiniert dafür, dem „Nein“ zu begegnen. Ohne Demut, es immer wieder in Frage zu stellen – durch die „Achtung des „Nein“, durch permanente Selbstreflektion, durch die Einbindung in die Komplexität unserer Zeit – kann es nicht bestehen. Wer meint, offen zu sein, doch sich abwehrend gegenüber Kritik zeigt, sobald sie ihn aus der Stabilität seiner Wahrnehmung bringt, muss sich infrage stellen, um dem „Ja“ zu seiner Offenheit gerecht zu werden.

Ein „Ja“ zum Leben ist ohne ein klares „Nein“ zum Krieg nicht zu denken. Doch wenn Aufrüstung zur selbstverständlichen Antwort wird, um das „Nein“ zum Krieg zu bejahen, führt das „Nein“ zu der Frage – es braucht das „Nein“, um das nicht einfach hinzunehmen –, ob es tatsächlich aus einer umfassenden Berücksichtigung aller relevanten Aspekte hervorgeht oder aus übernommenen Deutungen, aus Angst, aus Feindbildern – erwachsen aus Interessen, bei denen man nur missbrauchtes Opfer ist. Das „Ja“ gegen die Aufrüstung, ist jedoch kein „Nein“ gegen Verteidigung, denn es berücksichtigt auch das „Ja“ der Anderen zum Leben in der Weise, wie es Albert Schweitzer zum Ausdruck brachte: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.

Mit seinem Satz öffnet Jürgen Habermas insofern die Tür zu einem Pfad, über den der Mensch sich aus seiner Unmündigkeit entfernen kann: Der ihm auferlegten wie auch der selbstgewählten. Allerdings gibt es ein kleines Problem: Jeder muss diesen Weg selbst gehen und die größte Herausforderung sind die ersten Schritte.

Wenn der größte Teil der Arbeit immaterielle Gedankenarbeit ist – sich also im gedachten Raum vollzieht –, und in der Folge dessen fehlendes Wissen und negative (böse) Verhaltensweisen die Wirkung begrenzen, so sind die Knappheiten des sechsten Kondratieffs die unzureichend in der Breite der Gesellschaft verankerten Tugenden. Sie müssen sich ausreichend hilfreich in der Gesellschaft entfalten. ...

Wie es dem werdenden Menschen möglich war, durch den aufrechten Gang seine Umgebung besser zu überblicken und die Hände für andere Aufgaben freizubekommen, bedarf es heute des aufrechten Gangs im gedachten Raum, um allumfassender denken und kommunizieren zu können. ...

Die individuelle Entwicklung, die individuelle Bereitschaft, gewohnte Denk- und Wirkungsmuster nachhaltig zu verändern, entscheidet darüber, ob die Menschheit in ihrem Menschsein vorankommt.

Ich schließe mit der nun schon beständigen Formel meiner Wünsche an Sie und das neue Jahr. Lassen Sie uns gemeinsam daran arbeiten, uns mehr mit uns selbst und unseren Schwächen auseinanderzusetzen. Um unserer selbst willen.

Wie das geht? Nicht, in dem wir uns martern und Selbstvorwürfe oder andere dafür verantwortlich machen. Nein. Aber ein wenig links und rechts des Weges bewegen, den wir eingeschlagen haben und die eine oder andere Abzweigung nutzen. Das nicht bezogen auf Dinge, die uns leichtfallen. Ganz im Gegenteil müssen wir uns mit dem beschäftigen, was uns schwerfällt, dem, was neu für uns ist, dem, wo unsere Dämonen lauern und dem, was wir bisher ablehnen. Ich kann Ihnen aus nun ja auch schon längerer Erfahrung versichern: Das kann erfüllend sein, Spaß machen, Erleichterung bringen, den Druck nehmen.

Für den Weg nach Irgendwo gibt es

für dein Denken und Handeln noch keine Straße?

Verzage nicht. Schaffe einen Trampelpfad dorthin

und begehe ihn – so holprig er auch sein mag.

Tritt ihn fest, indem du ihn dann immer wieder nutzt.

Um dann von dort nach Irgendwo oder Irgendwo zu gelangen.

Wo diese Quellen für neue Erfahrungen und Leistungsfähigkeiten liegen, kann für jeden von uns ganz verschieden sein: Vielleicht Probleme transparent machen, gemeinsam nach Lösungen suchen, sich auf den Nutzen des Anderen konzentrieren, offen auf vermeintliche Gegner zugehen. Tagtäglich begegnen uns Situationen, in denen wir uns darin üben können. Es ist vollkommen normal, wenn das am Anfang schwerfällt. Aber nur so geht es.

Es ist dabei die Auseinandersetzung entlang „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“, die zum entscheidenden Momentum für Entwicklungen zum Menschsein wird. Jede Gelegenheit ist dafür eine Gelegenheit, dieser Entwicklung Vorschub zu leisten. Wenn der aufrechte Gang eine Voraussetzung dafür war, dass der Mensch neue Erfahrungen dadurch machen konnte, dass er seine Hände an neue Tätigkeiten gewöhnen konnte, so steht heute die Frage, in welchem Maß sich im gedachten Raum neues Denken und im realen Raum neues Wirken entfaltet, wie aufrecht oder, eigenen oder fremden Restriktionen erliegend, gebeugt das Leben bestritten wird.

Die Moral der vorliegenden Arbeit erschließt sich mit einem Zitat von Papst Franziskus: Man muss ganz unten anfangen.

Ich sehe ganz klar, dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen - Nähe und Verbundenheit. Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen Schwerverwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker fragen. Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem anderen sprechen. Die Wunden heilen, ... die Wunden heilen… Man muss ganz unten anfangen.

Papst Franziskus (1936 – 2025), Interview mit Antonio Spadaro SJ vom 21.09.13




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