Die KI-Pandemie
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Lieber ein Krieg gegen Russland als Unruhen durch die Pandemie?
Impuls für die vorliegende Arbeit war ein Beitrag von Florian Harms auf t-online. Er verweist darin auf Videos aus China, in denen Menschen gemeinsam mit Robotern Kung-Fu-Tänze aufführen bzw. ihre Fähigkeiten beim Kung-Fu demonstrieren. Sich das anzuschauen, kann überaus anregend sein: Hier und hier. Dass Roboter ohne trennende Schutzeinrichtungen mit Menschen autonom interagieren können und in ihrer Beweglichkeit zunehmend menschlich werden, sind wirkliche Durchbrüche.
Einher geht das mit einer rasanten Entwicklung im Bereich der künstlichen Intelligenz. Während es 35 bis 40 Jahre vom Z3 von Konrad Zuse 1941 bis zu dem Heimcomputern von Apple, Commodore und IBM zum Ende der Siebziger- bis Anfang der Achtzigerjahre dauerte und es 10 bis 15 Jahre benötigte, um von einer Textverarbeitung mit WordStar Ende der Siebzigerjahre zum Massenprodukt Word für Windows Anfang der Neunzigerjahre zu gelangen, sind gerade mal etwas mehr als drei Jahre vergangen, um nach der Veröffentlichung von ChatGPT im November 2022 – was innerhalb von zwei Monaten zu 100 Millionen Nutzern führte – eine kommerzielle Basis von agentenbasierten und multimodalen Systemen zur Verfügung zu haben, die schon jetzt maßgeblich in die Arbeitswelt eingreift. In dem erwähnten Artikel wird auf die These von Mustafa Suleyman, CEO bei Microsoft AI, verwiesen, nach der die meisten Aufgaben von Rechtsanwälten, Buchhaltern und anderen Schreibtischberufen "in den kommenden 12 bis 18 Monaten vollständig durch KI automatisiert" werden.
Die Folgen dieses Hypes sind schon jetzt feststellbar und lassen erahnen, was auf uns zukommt. Es gehört nicht sehr viel Phantasie dazu, es so auszudrücken: Arbeitsplätze werden wie die Fliegen vernichtet werden. Wenn all die Experten, von denen wir so reichlich haben, die KI als Mittel diskutierten, um einen Fachkräftemangel zu lindern, so stellt sich schon jetzt heraus, dass die KI gerade auch die Arbeitsplätze der Fachkräfte frisst und fressen wird. SAP will bis zu 10.000 Stellen abbauen, die ERGO rund 1.000 bis 2030, die Lufthansa in der Verwaltung 4.000, Allianz Partners 1.500 bis 1.800 Arbeitsplätze in den nächsten 12 bis 18 Monaten. Dafür, dass der Kahlschlag auch vor IT-Branche nicht haltmacht, sind Indien (1, 2) und die USA relevante Beispiele – wo es im vergangenen Jahr insbesondere Beschäftigte von Amazon, Microsoft, Salesforce und IBM traf. Hinzu kommt Stellenabbau, den man nicht unmittelbar im Zusammenhang mit der KI sehen kann: Bei VW 35.000 bis 2030, bei BOSCH mehr 20.000 Stellen bis 2030, bei ZF 7.600, Schaeffler 2.800.
Doch das ist nur der Anfang. In Indien sind bei 3,67 Millionen Beschäftigte im IT-Bereich in den nächsten drei Jahren 500.000 Arbeitsplätze gefährdet. Goldman Sachs sieht weltweit 300 Millionen Arbeitsplätze gefährdet und meint, dass von 900 Berufen zwei Drittel einer Automatisierung durch KI ausgesetzt sind und dabei ein Viertel bis zu der Hälfte ihrer Arbeitsbelastung ersetzt werden kann. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt in einer Analyse, dass in fortgeschrittenen Volkswirtschaften etwa 60 Prozent der Arbeitsplätze von KI betroffen sein könnten. Während die Technologie für die eine Hälfte eine Produktivitätssteigerung bedeutet, droht der anderen Hälfte die Verdrängung. Das ifo-Institut bestätigt dies für den deutschen Markt: Mehr als jedes vierte Unternehmen (27,1 Prozent) rechnet damit, in den kommenden fünf Jahren Stellen aufgrund von KI abzubauen. Ich überlasse dem Leser das Nachdenken, wie sich das auf die zukünftigen Armutsberichte, die Lebenserwartung, die Kaufkraft, die Steuereinnahmen, die Transferleistungen des Staates, die Preisstabilität, die Fähigkeit zur Investition in zukunftskritische Bereiche, die Abwanderung von hochqualifizierten Arbeitskräften, die Renten, den Immobilienmarkt, das gesellschaftliche Klima und generell auf die freiheitliche demokratische Grundordnung auswirken wird.
Die nächsten Jahre werden von einem beispiellosen Wettrüsten in die KI geprägt sein. Amazon, Alphabet, Meta und Microsoft werden allein in diesem Jahr 500 Milliarden Dollar investieren, in China könnten es in den nächsten sechs Jahren 1,4 Billionen Dollar sein. Auch in Deutschland wird in größerem Umfang in KI-Infrastruktur, Cloud-Dienste und Rechenzentren investiert, damit primär amerikanische Technologien der deutschen Markt für sich erschließen können. Doch es gibt keine gesellschaftliche Antwort auf diese Entwicklung.
Ich darf für mich in Anspruch nehmen, die Zwangsläufigkeit dieser Entwicklung schon länger thematisiert zu haben. Es muss noch vor der Jahrtausendwende gewesen sein, als zwei Bilder zum festen Bestandteil meiner Vorstellungskraft wurden – sie beeinflussten die Entwicklung der Lesemaschine MIRAKEL – und sie gingen auch in meine Aphorismen für die Menschwerdung des Affen ein (siehe auch Digitalisierung: Wird der Mensch zum Roboter mit DNA?), in denen ich die Notwendigkeit zivilisatorischer Innovationen thematisiere – gebunden an den Sechsten Kondratieff –, will man der Menschheit eine menschliche Zukunft und dem Westen den Erhalt seiner Wettbewerbsfähigkeit ermöglichen.
Das Bild von der Drei-Klassen-Gesellschaft differenziert nicht zwischen arm und reich oder Wissenden und Unwissenden, sondern beschreibt, dass
es immer weniger Menschen gibt, die in der Lage sind, den technologischen Fortschritt mitzubestimmen und um die Elle hochzuhalten: Im Kontext kalter Fusion einen Beitrag zu leisten. Es gibt eine zweite, größere Gruppe von Menschen, die in der Lage sind, den technologischen Fortschritt zur Sicherung und Entwicklung ihrer Wettbewerbsfähigkeit zu nutzen: Eine Drehmaschine zu bedienen, eine Software zu schreiben und vieles mehr. Auch diese Gruppe wird tendenziell kleiner. Und dann gibt es den größer werdenden Rest.
Gesamtgesellschaftlich muss es uns darum gehen, eine Entwicklung nach oben zu provozieren. Dafür aber mangelt es an Sensibilität und noch sehr viel mehr an Konzepten. Wenn man so will, ist das die Weiterentwicklung des Gedankens, dass wir keinen Universalgelehrten haben.
Und dann gibt es das Bild von Decke. Wir sind in den entwickelten Ländern der Decke sehr viel näher als die anderen. Wir merken, dass die Luft dünner wird und sehen das als Problem an. Aber wir sind schon da und können die Zeit nutzen, bis die anderen zu uns aufrücken.
Inzwischen sind mehrere Jahrzehnte ins Land gegangen, ohne dass wir die Zeit genutzt haben, uns zivilisatorisch weiterzuentwickeln und uns für die Herausforderungen der Zukunft zu rüsten. Das fängt bei der Bildung an. Zwar stieg der Anteil der Bevölkerung mit (Fach-)Hochschulreife sowie abgeschlossener Berufsausbildung oder Studium, doch es sanken die kognitiven Kompetenzen. Dazu erklärte der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium für Bildung und Forschung, Dr. Jens Brandenburg:
Die Befunde der PISA-Studie sind besorgniserregend. Die Daten zeigen ein generelles Absinken des Leistungsniveaus. Der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungserfolg ist in Deutschland nach wie vor stark, gerade auch im Vergleich mit anderen OECD-Staaten.
Wer annimmt, dass Deutschland als eines der innovativsten Länder der Welt – wobei wir beim Globalen Innovationsindex (GII) 2025 der UN inzwischen auf Platz 11 nach Platz 2 im Jahr 2007 angekommen sind – nun massiv in die Bildung seiner Bevölkerung, in die Stärkung des Humankapitals, investieren würde, sieht sich getäuscht. Nach einem OECD-Bericht vom September 2024 performt Deutschland mit 4,6% des BIP gegenüber dem OECD-Durchschnitt von 4,9% für Bildungseinrichtungen von Grundschulen bis Hochschulen unterdurchschnittlich. Angesichts der Tatsache eines steigenden Anteils von Kindern mit Migrationshintergrund – der 2022 bei 39% lag – wiegt das besonderes schwer. Steigerungen in den Bildungsausgaben werden primär durch steigende Schülerzahlen und Personalkosten bestimmt. Für eine „Zeitenwende“, mit der auf die Entwicklung im Bereich der KI reagiert wird, ist noch nicht einmal die Sensibilität dafür vorhanden und will man sich dem Trend entgegenstellen, trifft man auf taube Ohren – wie ich leidvoll erfahren musste.
Deutschland setzt andere Prioritäten. Während die Ausgaben für Bildung & Forschung im aktuellen Haushalt um 3,1% auf 21,82 Milliarden Euro zurückgehen, wachsen die Ausgaben für Verteidigung um 10,2% auf 83,00 Milliarden Euro. Doch damit nicht genug: Hinzu kommen 26 Milliarden aus dem Sondervermögen und 25 bis 30 Milliarden, die im Zusammenhang mit der Ukraine zu sehen sind. Angesichts solcher Zahlen wundert es nicht, das die deutsche Bevölkerung wieder „kriegstüchtig“ gemacht werden soll und ihr die Angst vor Russland antrainiert wird. Verteidigungsminister Boris Pistorius
Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein. [...] Wir müssen Abschreckung leisten, um zu verhindern, dass es zum Äußersten kommt
und der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Carsten Breuer,
Dabei sehen wir auch, dass längst nicht alles, was produziert oder aus den Depots herausgeholt wird, an die ukrainische Front geht, sondern ebenso in neu geschaffene militärische Strukturen. In fünf bis acht Jahren wird Russland sein Militär so erneuert haben, dass ein Angriff auf Nato-Gebiet möglich sein könnte. Das bedeutet für uns: Wir müssen uns an 2029 ausrichten. Bis dahin müssen wir spätestens bereit sein, uns gegen einen möglichen russischen Angriff verteidigen zu können.
seien dafür als Beispiel erwähnt. Dass die Verteidigungsausgaben der NATO-Länder die Russlands um mehr als das Elffache übersteigen, spielt da keine Rolle.
Die westliche Besessenheit konzentriert sich dabei nicht nur auf Russland, sondern insbesondere auch auf China. Doch wenn ich in dem oben erwähnten Buch die Entwicklung Chinas seit 1949, als es eine Analphabetenquote von 80% und die Menschen eine Lebenserwartung von 35 Jahre hatte – dabei zwischen 1958 und 1962 die größte Hungerkatastrophe in der Geschichte der Menschheit erlebte, der nach verschiedenen Schätzungen 15 und 55 Millionen Menschen zum Opfer fielen und auch noch mit der Kulturrevolution mit bis zu 20 Millionen Opfern konfrontiert war –, als die größte zivilisatorische Leistung der Menschheit charakterisierte und diese insbesondere an die Stärkung des Humankapitals gebunden war, so sehe ich eine politische Leistung, die mitverantwortlich dafür ist, dass China dem Westen in den vergangenen Jahrzehnten immer mehr auf die Pelle rückte: Die Aufrechterhaltung der Taiwan-Frage. Mit ihr bedient China die aggressive Natur der westlichen Demokratien, die mit auch dieser Begründung Billionen von Dollar in das militärische Kapital fließen lassen – was in der Folge die Staatsschuldenquoten erhöht. Diese Mittel fehlen bei der Stärkung des Humankapitals – was auch darauf zurückzuführen ist, dass der Mensch als Objekt ökonomischer Verwertung gilt, statt als Zweck an sich selbst. Es ist tragisch, dass – man muss es mal so ausdrücken – auch wir dummen Deutschen uns auf dieses Spiel einlassen und den Eindruck haben, dass unsere Freiheit nicht nur am Hindukusch und in der Ukraine – und bald in der Arktis – sondern auch im Pazifik verteidigt wird.
Neben unzureichender Bildung und der Konzentration auf die Aufrüstung ist bei der Frage, wie man mit dem technologischen Fortschritt und dabei mit dem KI-Boom schritthält, der generelle Umgang mit der Bevölkerung von Bedeutung. In diesen Kontext gehört der Aspekt der Meinungsfreiheit. Die vielfältigen Formen ihrer Einschränkung mit dem Ziel, dass eine monokulturell russophob verblödete Bevölkerung ausreichend unfähig ist, sich der Militarisierung auf dem Weg zu einem Krieg gegen Russland in den Weg zu stellen, haben einige Nebenwirkungen. Sie schränken die für ein Innovationsland wie Deutschland essenzielle kognitive Diversität ein und verstärken das in der Gesellschaft schon tief verankerte Klima des Schweigens und der Akzeptanz von Aspekten, hinsichtlich derer man intellektuell in der Lage ist, sie als falsch oder gar verwerflich zu erkennen, jedoch nicht in der Lage ist, sich ihnen entgegenzustellen. Wohin dieses Klima führen kann, zeigen der Abgasskandal, der der deutschen Wirtschaft schon über 40 Milliarden Euro gekostet hat, und all die Skandale der Deutschen Bank, die dadurch seit 2000 über 20 Milliarden Euro verlor. Doch existenziell wird es hinsichtlich meiner zu Beginn des vergangenen Jahres mehrfach geäußerte These, dass die zurückliegende Bundestagswahl eine Volksabstimmung über Deutschlands Weg zum Krieg werden würde. Ein Jahr später habe ich den Eindruck, dass wir auf diesem Weg ein gutes Stück vorangekommen sind.
Sei Mensch, sagte der Idealist.
Doch dem Kleingeist, getrieben von Gier und gewöhnt an Unterwürfigkeit,
war mehr nach Waffen und Schweigen,
statt nach Werten und Tat.
Meine persönlichen Erfahrungen auf allen gesellschaftlichen Ebenen wie auch meine Analysen stärken die These von der systemischen Relevanz dieser Betrachtung: Die gesellschaftliche Verfasstheit ist derart, dass es zunehmend unmöglich ist, die Gesellschaft mit #modernDenken zum #modernDenken zu befähigen, um sich so im Konsens und fähig den eigentlichen Herausforderungen der Zeit zu stellen, dass sie nachhaltig zum Wohle der Bevölkerung bewältigt werden können. Ohne zivilisatorischen Fortschritt wird das nicht möglich sein, aber es gehört zur Wahrheit dazu, dass nirgends, aber auch wirklich nirgends dafür – zumindest von mir – ein politscher Wille entdeckt werden kann.
Muss man sich angesichts dessen nicht fragen, ob die deutschen – und mit ihr die europäischen – Eliten einen Krieg gegen Russland den Folgen eines KI-pandemiebedingten Zusammenbruchs des gesellschaftlichen Systems vorziehen, weil man Angst vor dem zivilisatorischen Fortschritt hat und gegenüber der eigenen Bevölkerung – wie schon im Fall der Ukraine – Russland die Verantwortung für einen Krieg in die Schuhe schieben kann? Es ist unwichtig, ob die tieferliegenden Gründe für die russophob geprägte Militarisierung seit der „Zeitenwende“ ursächlich direkt in diesem Zusammenhang zu sehen sind: Entscheidend ist, dass die Entwicklung insbesondere in Deutschland entlang der politischen Entscheidungen auf diese beiden Alternativen hinausläuft. Alle anderen, überaus bedeutsamen, Herausforderungen – Bildung, Innovationskraft, Demografie, soziale Ungleichheit – sind angesichts dessen singulär und verstärkende Randbedingungen.
Da ich die Hoffnung in mir trage, dass es für den aufmerksamen Leser nachvollziehbar ist, dass ein Treiber für die vorliegende Arbeit ein Blickwinkel von Christoph Lichtenberg ist, möchte ich an das Ende einen Blickwinkel setzen, der aus dieser Hoffnung heraus einen logischen Anschluss ermöglicht, da er sich um einen Blick von außen auf unser gegenwärtiges Tun bemüht. Deutschland sollte seine Zeit und seine Ressourcen nicht mit der Bekämpfung seiner Phantomschmerzen vergeuden, sondern sich den relevanten Herausforderungen stellen, die über seine Stellung in schon naher Zukunft entscheiden. Dafür muss es sein Humankapital stärken: Sonst wird es zu eine Relikt der Geschichte.
Meister, wie besiegen wir den Feind?
Nun, indem wir nichts tun- außer: Warten.
Während wir unsere Stärken entwickeln,
entwickelt er seine Schwächen.
Während wir die Quellen des Lebens gewähren lassen,
lässt er sie versiegen.
Während wir das Wasser sind,
wird er hart wie Stein.
Während wir die Richtung kontrollieren,
kontrolliert er die Richtungen.
Während er von Freiheit redet,
nehmen wir uns die Freiheit.
Der Feind besiegt sich selbst und
die Flut wird sich über die Steine ergießen.









